Vergebungsbereitschaft – eine von 24 Charakterstärken

Vor einiger Zeit war ich im Schwarzwald unterwegs, in einer Gegend, in der das Element Wasser sehr präsent ist: sprudelnde Bäche, rauschende Wasserfälle, überall dieses lebendige Fließen. Immer wieder begegnete mir das Wasser auf meinem Weg. Irgendwann war er dann einfach da, der Gedanke: „Das erinnert mich an eine Charakterstärke, die ich sehr schätze.“

Diese Charakterstärke heißt Vergebungsbereitschaft.

Das Wasser des Waldbachs fließt unermüdlich immer weiter. In jedem Moment lässt er los und bleibt so im wahrsten Sinne des Wortes im Fluss.

Vergebungsbereitschaft funktioniert ähnlich. Im Kern geht es um die Bereitschaft, die Unzulänglichkeiten anderer zu akzeptieren, Menschen eine zweite Chance zu geben und den Schmerz loszulassen, wenn uns Unrecht geschehen ist. Dabei ist Vergebungsbereitschaft mitnichten gleichzusetzen mit Nachsichtigkeit um jeden Preis – und sie ist auch nicht dasselbe wie Verdrängen oder Dulden.

Vergebungsbereitschaft kann nur dort entstehen, wo wir zuerst ehrlich hinschauen: auf die Wut, die Enttäuschung, den Schmerz, die Scham. Wenn wir diese Gefühle überspringen, vergeben wir nicht wirklich. Wir tun nur so als ob.

Warum Vergebungsbereitschaft nicht dasselbe ist wie Verzeihen

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Charakterstärke sei vor allem ein Geschenk an andere. Wir alle kennen das Gefühl, wenn jemand, den wir unbeabsichtigt verletzt haben, uns verzeiht: Wie viel besser und leichter wir uns dann fühlen! Und doch ist Verzeihen etwas anderes als Vergebungsbereitschaft. Verzeihen geschieht zwischen zwei Menschen, dieser Prozess ist von außen beobachtbar und oft verbunden mit einer Geste oder einem Wort. Vergebungsbereitschaft hingegen ist ein innerer Prozess in einem Menschen, den wir von außen nicht sehen können. Er kann dem Verzeihen vorausgehen oder aber auch allein stattfinden: Man kann innerlich vergeben haben, ohne es je auszusprechen – weil man vielleicht niemals um Verzeihung gebeten wurde.

Ryan Niemiec, Psychologe und einer der bekanntesten Charakterstärkenforscher weltweit, bringt es auf den Punkt: Menschen, die vergeben, erleben weniger Wut, weniger Angst, weniger Depression und weniger Feindseligkeit als Menschen, denen diese Bereitschaft schwerfällt. Wenn wir die Stärke Vergebungsbereitschaft einsetzen, tun wir also in erster Linie uns selbst etwas Gutes. Und gleichzeitig gibt es vielleicht Dinge, die so schwer wiegen, dass wir sie nicht vergeben können – und auch das ist in Ordnung.

Der fließende Bach reinigt sich selbst. Was sich angesammelt hat, wird weitergespült. Was schwer ist, setzt sich ab und wird mit der Zeit langsam abgebaut. Das Wasser bleibt in Bewegung, und genau das hält es lebendig. Vergebungsbereitschaft ist: Den Schmerz nach einem erfahrenen Unrecht wahrnehmen, fühlen und dann loslassen – nicht für die anderen, sondern damit wir und unser Leben wieder in Fluss kommen.