Was sind eigentlich Charakterstärken?
Welche menschlichen Eigenschaften gelten über Kulturen und Zeiten hinweg als positiv und lassen Menschen aufblühen? Diese Frage stellten sich Prof. Dr. Christopher Peterson und Prof. Dr. Martin E. P. Seligman, Forscher im Feld der Positiven Psychologie. Drei Jahre lang analysierten sie mit einem Forschungsteam Quellen aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte. 2004 veröffentlichten sie ihre Antwort: Die 24 VIA-Charakterstärken. Kreativität ist eine davon.
Über die Charakterstärke Kreativität
Krähen sind keine Künstler:innen. Dennoch sind sie hochgradig kreativ, und wir können von ihnen einiges darüber lernen, was Kreativität wirklich bedeutet. Krähen und andere Rabenvögel (wie zum Beispiel Elstern, Dohlen, Raben, Eichelhäher) gehören zu den wenigen Tierarten, die Werkzeuge nicht nur benutzen, sondern sie aktiv für ihren Zweck bearbeiten und anpassen. Ein Stöckchen wird so lange zurechtgebogen und geformt, bis es genau das tut, was gebraucht wird. Dahinter steckt keine künstlerische oder ästhetische Absicht, sondern schlicht die Fähigkeit, ein Problem auf neue Art zu lösen.
Kreativität, eine der 24 VIA-Charakterstärken, ist genau das: nicht die Fähigkeit, etwas Spektakuläres aus dem Nichts zu erschaffen, sondern die Bereitschaft, dem eigenen inneren Gespür zu folgen und dabei etwas in die Welt zu bringen, das es so noch nicht gab. Im VIA-Charakterstärkenmodell wird Kreativität als die Fähigkeit beschrieben, beim Entwerfen und Umsetzen von Dingen neue, originelle und produktive Wege zu finden. So verstanden geht Kreativität vor allem einher mit der Fähigkeit, Dinge auf eine Art zu sehen und zu handhaben, die von der gewohnten abweicht. Das kann sich selbstverständlich auch im künstlerischen Ausdruck zeigen, muss es aber nicht.
Was mich immer wieder fasziniert, ist, wie häufig Menschen diese Stärke bei sich selbst gar nicht erkennen. Der Grund dafür ist vielleicht, dass Kreativität in unserer Kultur so oft ausschließlich mit künstlerischer Begabung gleichgesetzt wird – mit Malen, Musizieren, Schreiben. Dabei sind wir auch auf so viele andere Arten kreativ: in der Art, wie wir Probleme lösen, wie wir Gespräche führen, wie wir Räume gestalten oder Beziehungen pflegen. Wir kommen meist nur nicht auf die Idee, das als Kreativität zu bezeichnen.

Die Krähe oder die Elster jedenfalls fragen sich nicht, ob ihr Werkzeug oder das, was sie damit erreichen, künstlerischen Wert hat. Sie finden einfach einen neuen Weg, ihr Ziel zu erreichen. Das ist Kreativität.
Wo in Deinem Leben bist Du gerade kreativ – vielleicht ohne es so zu nennen?